März 27, 2018Keine Kommentare

Von der verwirrenden Logik des Begehrens

Call me by your name von Luca Guadagnino

Sommer in Norditalien. Man spürt die Wärme, den leichten Windhauch, die kühlen Fliesen im Haus, wenn man mit nackten Füßen darüber geht. Die reifen Früchte deren Saft im Film eine gewichtige Rolle spielen wird. Leichtigkeit ist angesagt. Da kommt ein Gast in das Haus des kultivierten Archäologie Professors und seiner Familie. Wie schon in Pasolinis Theorema bringt dieser Gast alles durcheinander.

Wir schreiben die 80er Jahre. Das geschmackvoll eingerichtete alte Haus inmitten eines traumhaft schönen Gartens bildet die Kulisse für die Verwirrung der Gefühle. Der kluge musikalische und feinsinnige Sohn der Familie, Elio, hat gerade eine Affäre mit der hübschen Marzia begonnen, als Oliver, ein ehemaliger Student des Vaters und der diesjährige Sommergast eine eigenwillige Faszination auf den Jungen ausübt, die dieser anfangs nicht zu deuten vermag und gegen die er sich auch wehrt. Als er diese Faszination als Begehren erkennt, ist er Oliver verfallen.

Die Dinge, auf die es ankommt

Mit bestechender Natürlichkeit beginnen die Beiden in den Wochen, die sie zur Verfügung haben, etwas auszuleben, das weit über Begehren hinausreicht. Das Glück, das sie erleben dürfen, liegt auch in der verständnisvollen distanzierten Obhut der Eltern, die ihrem Sohn diese Erfahrung, von der sie wissen, welche Erfüllung und welcher Schmerz darin liegt, gönnen. Das Gespräch zwischen Vater und Sohn, das es nach dem Ende des Sommers gibt, ist geprägt von einer Liebe und Weisheit, das man jedem Sohn nur wünschen kann, ein solches Gespräch ,und sei es nur einmal im Leben, mit seinem Vater zu führen. Es geht in dem Film, obwohl er damit aufgeladen ist, gar nicht in erster Linie um Erotik. Worum sich alles dreht, ist die Verwirrung des Herzens, die so wichtig ist und uns am Leben erhält. Wird diese nicht mehr zugelassen, altern wir vor der Zeit , wie der Vater klug zu erkennen gibt.

So sind Wind, Geräusche, Musik, Licht, Farben, leider nicht Gerüche, ganz wichtig in diesem Film. Sie transportieren ein Lebensgefühl wie es sein könnte, wenn uns die Natur bei unseren Schwachstellen überfällt und auf die Probe stellt.

Die beiden Hauptdarsteller Thimotée Chalamet als Elio und Armie Hammer als Oliver, der einem keineswegs sofort sympathisch ist, spielen mit einer Natürlichkeit, das man meint jede Unsicherheit, jede Beklommenheit und jede Freude im eigenen Brustkorb spüren zu können.

Der große James Ivory hat ein Drehbuch geschrieben, dessen genaue Dialoge die Situationen so souverän erfassen, das man geneigt ist, immer wieder zurückzuspulen, weil man das noch einmal hören will, so viel steckt in diesen wunderbaren Sätzen - völlig gleichgültig ob sie in Englisch, Französisch, Italienisch oder spanisch gesprochen wurden - alles Sprachen, die im Film vorkommen, ohne das es aufgesetzt wirkt.

Auch wenn die letzten Szenen im Winter vor dem angeheizten Kamin spielen, ist es wie wenn man gerade von einer Reise in den sommerlichen Süden zurückkehrt, an die man voller Wehmut zurückdenkt.


© Bild: Sony Pictures Classics/Warner Bros. Pictures

Februar 5, 2018Keine Kommentare

Three Billboards Outside Ebbing Missouri

Selbst Google Earth hätte Mühe, Ebbing Missouri zu finden, wenn es das denn gäbe im Nirgendwo des Mittelwestens. Aus diesem Ebbing führt eine Straße, die kaum noch jemand benutzt, seit es den Freeway gibt. An dieser Straße stehen drei heruntergekommene Werbetafeln, die niemand beachtet. Bis Mildred Hayes, großartig gespielt von Frances McDormand, dort provokante Sprüche anbringen lässt, die die Untätigkeit der Polizei anprangern. Chief Willoughby wird zur Zielscheibe ihres geballten, nachvollziehbaren Zorns. Der ehrenwerte Chief (Woody Harrelson) hat in ihren Augen versagt. Vor Monaten ist ihre Tochter an dieser Straße missbraucht und ermordet worden. Scheinbar foltern die Polizisten lieber Neger in ihren Arrestzellen, als diesen Mord aufzuklären, so Mildreds Vorwurf.

Ziemlich schnell erfahren wir, dass man heute in den USA nicht mehr „Neger“ sagen darf. Der betreffende Officer Dixon (Sam Rockwell) erklärt, dass das jetzt „ Farbige in ihren Arrestzellen foltern“ heißt. Wobei er sich da auch nicht so ganz sicher ist, ob man das sagen darf. Dixon, ohnehin nicht die hellste Leuchte am Baum, trägt seinen Rassismus, die Homophobie und was es sonst so an verquerem Weltbild gibt, ganz unverstellt zur Schau. Die moderne Welt überfordert ihn und seine Mama, bei der er noch immer lebt. Kein Wunder, dass da manchmal seine Aggressionen mit ihm durchgehen. Daran, dass die Polizei das mit dem Foltern doch tut, gibt es wiederum keine Zweifel. Soweit die Ausgangslage in dem eigenartigen Film von Martin McDonagh.

Wenn der Begriff ‚Tragikkomik’ zur Beschreibung eines Films seine Berechtigung besitzt, dann für die Handlung der THREE BILLBOARDS. Man erwischt sich ständig beim verzweifelten Lachen, das aus einem herausbricht, obwohl das Gezeigte ziemlich furchtbar, aber auf jeden Fall absurd ist. Das liegt auch an der befreienden Wirkung der politischen Inkorrektheit der Dialoge. Das tut gut und fühlt sich doch irgendwie merkwürdig an. Jede Rolle im Film ist brillant besetzt und gespielt. Die Nebenhandlungen hätten noch mal eigene Filme verdient. Das wäre Stoff für eine richtig gute Serie. Da gibt es zum Beispiel den lokalen Zwerg (Peter Dinklage, den man auch irgendwoher kennt), der in Mildred verschossen ist. Aber Zwerg darf man, glaube ich, auch nicht mehr sagen. Das heißt doch jetzt Gnom, oder?

Ein anderer Titel für diesen Film wäre auch denkbar: Bericht zur Lage der Nation. Einer Nation, die tief gespalten ist und deren Verunsicherung Phänomene wie Trump möglich macht. Man kann an diesem unscheinbaren Ebbing exemplarisch sehen, in welchem Dilemma das Land steckt und wie tief die Gräben sind. Wenn man das Kino verlässt, ist man sich gar nicht mehr sicher, ob das hier nicht längst auch so ist.

Völlig unerwartet bekommen wir am Ende eine Geste der Verständigung angeboten, wie sie aber eben ziemlich amerikanisch ist. Seht selbst.

November 12, 20173 Comments

Sieben Tage voller Leidenschaft

Italienisch - schweizerisches Kino- Kleinod voller poetischer Schönheit.

Das Fernsehen, normalerweise stetig zunehmender Quell ästhetischen und intellektuellen Missvergnügens, bietet manchmal völlig überraschend Schätze, die man sonst übersehen hätte.

Schauplatz für solche Überraschungen sind natürlich nicht die Mainstream- Kanäle, die man- und da ist es fast gleichgültig ob privat oder öffentlich rechtlich- eigentlich nur noch in Ausnahmefällen bemühen mag. Deutschland, Österreich und die Schweiz sind in der glücklichen Lage, noch Sender wie 3 Sat, ARTE, ZDFneo, One, etc. zu haben. Fast paradiesische Zustände. Wer je versucht hat z.B. In Italien oder den USA den Fernseher einzuschalten, weiß wovon ich rede.

 

Weshalb ich das erzähle?

Erschöpft vom quichottigen Kampf um das Wahre, Gute und Schöne, sank ich dieser Tage in den Filmsessel, in der Hoffnung, dass einer der oben erwähnten Sender in der Lage wäre, mich geistig und/oder emotional zu erquicken, ohne einen Streamingdienst bemühen zu müssen.

Siehe da, ARTE hatte nicht nur etwas Passendes, sondern sogar einen Film, dessen poetische Schönheit und Wahrhaftigkeit mit zum Besten gehört, was ich in letzter Zeit gesehen habe. Die Schönheit, die in dieser kleinen, unaufwändigen italienisch/schweizerischen Koproduktion aufblitzt, ist so nah am wirklichen Leben und ohne jeden Kitsch erzählt, dass man den Erfinder des deutschen Verleihtitels fragen müsste, ob er an dem Tag, als er ihm eingefallen ist, nicht doch zu viele bewusstseinserweiternde Substanzen konsumiert hat. Der Titel hat zum Film nur einen peripheren Bezug.

 

Originaltitel: 7 giorni. Reicht vollkommen.

Die Story: Levanzo, eine kleine Insel vor Sizilien . Der Bruder des Bräutigams und die beste Freundin der Braut sollen die in einer Woche stattfindende Hochzeit vorbereiten. Die Voraussetzungen sind seltsam bizarr. Der Ort, der zwar aussieht wie das Paradies auf Erden, ist heruntergekommen. Hier wohnen nur noch ein paar wenige Alte- wovon ist unklar. Wer konnte, ist weggegangen. Keine Schule mehr. Nur noch die Kirche und der Friedhof sind in Betrieb. Touristen kommen auch schon seit Jahren nicht mehr. Die Armut scheint durch jede Ritze. Alle Zimmer in der einzigen Pension sind verranzt. Der Leuchtturm, wo die Hochzeitsnacht stattfinden soll, ist eine vollgerümpelte Ruine. Und die beiden Hochzeitsvorbereiter tragen auch allerhand Blessuren mit sich herum.

Ihre virulente Einsamkeit lässt sie einander in die Arme fallen. Beide wissen, dass es kein Danach geben kann. Beide sind in andere Leben verstrickt.

 

Nur diese 7 Tage.

Aber das ist nur ein Zweig der Geschichte, in der es um die Liebe an sich geht. Der zwischen Mann und Frau, zwischen Geschwistern, Freunden, Eltern und Kindern. Alles wirkt so subtil und echt, das man zwischendurch meint, einer Dokumentarkamera zu folgen.

Die meisten Rollen, bis auf ein paar Hauptdarsteller wie Alessia Barela und der wunderbare Bruno Todeschini, werden von den Inselbewohnern gespielt.

Eine kleine Szene: Ivan, der Bruder des Bräutigams, bezahlt die Alten für einige Dinge. Kaum hat der alte Mann das Geld in der Hand, kommt seine Frau und entreißt es ihm mit den Worten „Du kaufst womöglich noch Zigaretten davon.“ Man hält sie für eine keifende Alte. Einige Szenen später kommt der alte Mann tatsächlich zu einer Zigarette und erstickt fast daran. Die Frau ist mit einer Sauerstoffmaske zur Stelle und ergreift seine Hand. Eine Geste so voller Zärtlichkeit, dass man sinnfälliger Liebe kaum zeigen kann. Von solchen Szenen gibt es Dutzende im Film, ohne das sie aufdringlich wirkten.

Obwohl es wirklich eine einfache Geschichte ist, die uns erzählt wird, die zu dem stillen Leben dort passt, gibt es so viel zu sehen und zu hören in dem Film. Das leuchtend blaue Meer. Die Musik.

Ach – und der Schluss: Was wäre, wenn Orpheus sich nicht umgedreht hätte?


© Bild: ARTE

September 21, 2017Keine Kommentare

Dunkirk: Choreographie der Barbarei

Soldaten im Krieg leben und sterben in der Allgegenwart unsagbarer Gewalt. Jegliche Regeln der Zivilisation werden außer Kraft gesetzt. Das zerstört oft selbst die, die mit dem Leben davon kommen. Daran hat sich auch in den heutigen Kriegen nichts geändert. Read more

Juli 15, 2017Keine Kommentare

Die Ferien des Monsieur Hulot oder Ab in die Fluten

Halt, vor dem Lesen dieses Textes, bitte erst einmal diesem Link folgen und sich in die passende Urlaubsstimmung versetzen lassen.

Jedes Jahr die letzte Vorstellung vor der Sommerpause in unserem Filmclub: Manche sind in ihren schon gepackten Autos gekommen. Vor den Sitzreihen der Erwachsenen lümmeln sich die Kinder bei Limonade und Salzbrezeln, während die Erwachsenen mit einem gekühlten Pinot Grigio, Oliven und italienischem Käse die Vorzüge ihrer jeweiligen Urlaubsziele austauschen. Dann wird es dunkel, aber keineswegs leise. Das Giggeln, Lachen, Geräusche nachahmen und sich aufs nächste „Plong“ freuen gehört zu den „Ferien des Monsieur Hulot“. Man geht gut gelaunt auseinander und hatte schon mal einen kleinen Urlaub vorab.

Wie oft man diesen Film auch sieht, die Komik funktioniert immer, jedes Mal aufs Neue. Damit hat Jacques Tati eines der unvergänglichen Meisterwerke der Filmkunst geschaffen. Wenn man sich nach dem Abspann die Tränen aus den Augen wischt, sind das nicht nur Spuren vom Lachen, sondern auch Tränen der Sehnsucht, der Sehnsucht nach der Idee von einem Leben, das wohl eher ein Elysium der Unvollkommenheit ist. Aber obwohl es voller Fehltritte, menschlicher Schwächen und peinlicher Situationen ist, erträgt man es, den Anderen anders sein zu lassen.

Man könnte natürlich jede einzelne der genialen Szenen analysieren, aber am Ende stünde immer die Erkenntnis: jede von ihnen ist auf das Genaueste arrangiert, geplant und umgesetzt. Komik funktioniert nur durch diese Genauigkeit, die wiederum auf dem Studium der Comedie Humaine basiert. Man weiß aus Berichten von der Entstehung anderer Meisterwerke der Komik, dass ihre Autoren immer Perfektionisten sind. Die Ahnengalerie der großen Namen der Komik im Film reicht von Charlie Chaplin über Billy Wilder, den Monty Pythons bis zu Michael Frayn. Im Deutschen fiele mir da nur Loriot ein, der es bis in solche Höhen geschafft hat. Bis auf wenige Ausnahmen hat man es sonst meist mit Schenkel klopfender Stammtischkomik zu tun, die schnell fad wird.

Natürlich erscheint manches in dem Film altmodisch. Urlaub sieht heute doch ganz anders aus? Oder doch nicht?

Apropos, es gibt eine moderne Version davon als Comic. Ganz anders, aber von einem ähnliche Geist geprägt. Ganz nah am wirklichen Leben und gleichzeitig so auf die Spitze getrieben, was David Prudhomme & Pascal Rabaté in „Rein in die Fluten!“ ( Originaltitel: VIVE LA MAREÉ ) über einen Sommer am Meer erzählen. Egal ob man seinen Urlaub noch vor oder hinter sich hat oder ob man den Sommer auf der Couch zubringt: es ist ein Vergnügen, in dem Buch zu blättern und diese und jene Typen zu treffen, denen man meint, im Urlaub schon öfter begegnet zu sein. Das Handeln von Menschen, die wenigstens einmal im Jahr sich selbst überlassen sind, ist geprägt von einer Absurdität, die keinerlei Übertreibung erforderlich macht. Man muss nur hinsehen und zuhören. Das reicht, um die Absurdität unseres alltäglichen Handelns zu verstehen und vielleicht manches nicht mehr ganz so ernst zu nehmen.

Es ist Sommer. Da kann man sich schon mal eine kleine Urlaubsreise mit Monsieur Hulot und/oder einen „Sprung in die Fluten“ gönnen.

Juni 23, 20171 Kommentar

Krachbum auf die weibliche Art

Wonder Woman, USA 2017

Da sage noch einer, Frauen können so etwas nicht.

Das was Regisseurin Patti Jenkins und Hauptdarstellerin Gal Gadot mit „Wonder Woman“  abliefern, ist richtig gut gemachter Genretrash, bei dem man einiges an Spaß hat hinter seiner 3 D Brille. Allerdings nur wenn man bereit ist, sich auf eine Geschichte einzulassen, die nicht immer den Regeln der Logik , aber denen des Comics stilsicher folgt.

Die Marvel Studios haben nach „Batman v Superman: Dawn of Justice“ hier bereits den zweiten Teil mit dieser Hauptfigur vorgelegt. Ein dritter soll noch folgen.

Ein wenig spoilern? Ach, das macht bei dem Film nicht wirklich etwas aus. Der Reiz des Films liegt nicht in der ausgeklügelten Handlung. Wer die nicht nach spätestens 10 Minuten weiter erzählen kann, sollte hin und wieder nächtlich Filme in den Programmen mit den vielen Werbeunterbrechungen konsumieren.

Amazonenprinzessin Diana wächst auf der mythischen Insel Theymscira behütet auf. Ausgebildet von Claire Underwood (Robin Wright), sprich General Antiope, wird sie auf einen letzten Kampf gegen Ares, den Kriegsgott, vorbereitet. Da durchbricht ein gut gebauter amerikanischer Flieger die Schutzhülle der Amazonen und Diana erfährt, dass Ares  mit dem Ersten Weltkrieg den Krieg aller Kriege (so meinte man in diesem Moment) angezettelt hat. Unterstützt von ein paar weiteren Sonderlingen macht sie sich daran, dem Kriegsgott sein blutiges Handwerk zu legen. Das geschieht dann mit allen zur Verfügung stehenden Effekten, die wirklich exzellent  gemacht sind- keine Billigimitate aus Fernost. Da wird verwandelt, durch die Luft gewirbelt und zerstört, was das Zeug hält. Mit sehr guten 3D Effekten. Auch eine Überraschung wartet noch auf den Zuschauer. Dass diese wiederum keinerlei Erklärung erfährt, ist ein zu vernachlässigendes Detail.

Das Ende ist so konsequent wie offen und ermöglicht noch mehr als eine Folge.

Am Schönsten sind die ironischen Elemente des Films, wenn man die offenbar genau recherchierten Lebensumstände und insbesondere die Rolle der Frauen im England am Beginn des 20. Jahrhunderts mit dem nötigen Spott aufspießt. Dazu trägt auch die hervorragende Ausstattung des Films bei, an der nicht gespart wurde.

Natürlich gehört zu dem Film unbedingt Popcorn. Was nervt, ist allerdings das Publikum, das man für solch einen Film in einem großen Kinopalast ertragen muss.

Wenn die Aufmerksamkeitsspanne nur noch für Youtube- Filmchen reicht, ist ein Zwei- Stunden- Film eben eine Herausforderung. Ich fordere die Abschaffung der FSK und dafür die Einführung erzieherisch betreuten Kinobesuchs oder ein

festschnallen am Sitz mit Mundknebel.

Juni 18, 2017Keine Kommentare

Born to be blue

Dämonen und Schmerz beherrschten das Leben des Chet Baker.

Um die Dämonen im Zaum zu halten, greift er zur Trompete. Die Töne, die er dem Instrument entlockt, sind himmlisch und fördern gleichzeitig neue Dämonen und neuen Schmerz zutage. Als die Liebe nicht mehr imstande ist, ihn an der Oberfläche des Lebens zu halten, greift er zur Nadel. Wie das ausging, ist ebenso bekannt, wie geheimnisvoll.

Der kanadische Regisseur Robert Budreau nimmt sich in dem Film "Born to be blue" eines einzigen aber entscheidenden Abschnitts in Bakers Leben an.

Nachdem Baker bei einer Schlägerei alle Vorderzähne verliert, scheint seine Karriere zu Ende. Die bedingungslose Liebe einer Frau und ihr Glaube an ihn geben ihm die Kraft und den Mut, noch einmal von vorn zu beginnen. Mit der Hilfe von Freunden, besonders Dizzy Gillespies, gelingen ihm schließlich einige der schönsten Aufnahmen des Jazz bis heute. Am Ende jedoch steht fest, um dem selbst gewählten Anspruch zu genügen, muss er bis an die Grenzen gehen. Bis an diese Grenzen kann ihm niemand folgen, nicht einmal die Liebe.

Das ist vor allem durch die schauspielerische Leistung von Ethan Hawke als Chet unmittelbar und schmerzhaft schön nachzuvollziehen. Wir können in die Seele eines Künstlers sehen. Hawke gelingt es, selbst bis zur äußeren Ähnlichkeit des zerstörten Gesichts, uns die Seele eines geschundenen Menschen, der die Schönheit schlechthin erschafft, zu zeigen. Der Mut, mit dem er selbst die Gesangsparts meistert, ist absolut bewundernswert. Ganz sicher nicht nur eine seiner besten schauspielerischen Leistungen überhaupt, sondern auch insgesamt ein Künstlerporträt, das übliche biographische Filme weit überragt.

Egal ob man Jazz mag oder nicht – unbedingt ansehen!