Wo die Grenze zwischen den Welten dünn wird

Buchkritik: Donna Tartt, Der Distelfink

Auf einem magischen Würfel, den ich im Museumsshop des Mauritshuis in Den Haag erworben habe, erscheint, wenn man ihn richtig zusammensetzt, neben anderen Gemälden das Bild eines Distelfinken, der auf einer schlichten Holzbox sitzt. Gemalt wurde das Bild von dem frühvollendeten Delfter Maler Carel Fabritius. Es zählt in seiner Einzigartigkeit zu den Meisterwerken des Goldenen Jahrhunderts niederländischer Malerei.

Jetzt bin ich diesem Bild wiederbegegnet- in einem Roman von Donna Tartt. Ein Buch, das ich mir am Krankenbett von Matthias Koeberlin habe vorlesen lassen.

Manchmal gelingt es Büchern, uns nicht nur mit einer guten Geschichte zu unterhalten, sondern Nachrichten gleich Pfeilen in unser Inneres zu schicken. Die Verletzungen, die sie dort anrichten, verursachen Schmerz und Freude zugleich. Schmerz darüber, dass es gelungen ist, die mühsam aufgebaute Schutzhülle, die uns im Alltag begleitet, zu verletzen und uns so verwundbar zu machen. So ähnlich muss sich der Pfeil, der Achilles´ Ferse durchdrungen hat, angefühlt haben.

Die Freude rührt daher, wieder einmal zu spüren, dass wir nicht so einsam durch die Welt gehen, wie es auf den ersten Blick scheint. Da gibt es andere Menschen, die ähnlich empfinden wie man selbst, die ähnlich denken. Man lässt sich berühren und weiß wieder, warum es ein urmenschliches Bedürfnis ist, Geschichten zu erzählen.

Das Raffinierte an wirklich guten Büchern ist die Art der Übermittlung der Botschaften.
„Der Distelfink“ ist eines dieser wunderbaren Bücher.

Die Folie – New York. Ein Junge geht mit seiner Mutter ins Metropolitan Museum, um just jenes aus den Niederlanden ausgeliehene Bild zu sehen. Der Junge sieht nicht das Bild, sondern ein Mädchen seines Alters, das mit ihrem Großvater die Galerie besucht – Pippa. Da erschüttert eine Explosion das Museum. Theodore, so heißt unser Held, erwacht in den Trümmern, neben sich den sterbenden Großvater des Mädchens, der ihm das kleine Bild des Distelfinken in die Hand drückt. So wird er der unrechtmäßige Besitzer dieses Bildes.

Das weitere Geschehen wird immer wieder von dem Gemälde, das von den verschiedensten Seiten begehrt wird, vorangetrieben. Der Distelfink bewährt sich dabei als das, wofür er in der Kunstgeschichte immer stand – als Symbol für die geretteten Seelen, aber auch für Ausdauer und Beharrlichkeit.

Die braucht Theodor, um mit seinem Leben zurecht zu kommen. Wir folgen ihm über mehr als ein Dutzend Jahre. Gerettet wird er immer wieder von seinen Freunden. Die zwei, denen er alles verdankt, sind zum Einen der alte Kunstrestaurator Hobie, der Geschäftspartner des Mannes, von dem er das Bild hat. Er nimmt den verlassenen Jungen auf und bietet ihm ein Zuhause, als er es braucht, auch um zu lernen, wie man mit Trauer lebt. Selbst als Theodore längst erwachsen ist, hat er seinen Platz bei Hobie, der seine Familie geworden ist. Bei allen Verirrungen, von denen es nicht wenige gibt, ist Hobie, seine Liebe, seine Redlichkeit und die Wohnung der Ort, der vor der Welt schützt.

Und dann ist da Boris, das verwahrloste Kind eines brutalen Ukrainers, eine der verwegensten Figuren, die mir in letzter Zeit in der Literatur untergekommen sind. Was wäre aus den unvollkommenen Helden Theodore und Boris geworden, wenn die beiden Halbwaisen sich nicht begegnet wären? Sie wären verloren gewesen, soviel steht fest. Jeder auf seine Weise. Auch in dieser Freundschaft spielt das Gemälde eine wichtige Rolle. Es trägt dazu bei, dass sie Augen und Herz offen halten und nicht verloren gehen in den Turbulenzen des Schicksals.
Ja und schließlich Pippa, jenes am Anfang kleine Mädchen, dem wir ursprünglich in der Galerie begegnet sind. Sie bleibt das Symbol einer Sehnsucht, die nach Erfüllung strebt, auch wenn unklar ist, ob es diese Erfüllung geben kann, solange wir eingesperrt sind im Herzen des Lichts wie der Distelfink.

Wir haben es mit einem Buch zu tun, das vieldeutige Antworten auf die Geheimnisse des Lebens gibt und mich sicher noch lange begleitet.
Einen so dicken Roman adäquat vorgelesen zu bekommen, ist natürlich der pure Luxus. Dafür danke ich Matthias Koeberlin – gut gemacht!


© Bild: Random House
 

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