© Gabriel García Márquez

Wiederbegegnung mit einem alten Freund

Die Romane, die man in seiner häuslichen Bibliothek stehen hat, sind eine Art intellektueller Tapete. Dabei kann man sie im Wesentlichen in zwei Kategorien einteilen: Zum einen sind da die Bücher, die man mit Begeisterung gelesen hat, die die Leseerfahrung geprägt haben. Man bildet sich ein, man würde sie entweder selbst später noch einmal lesen, sie der Familie, den Freunden, den Kindern empfehlen, was manchmal sogar gelingt, aber ihr eigentlicher Zweck ist es, sie von Zeit zu Zeit aus dem Regal zu ziehen, darin zu blättern und sich von Neuem in die Geschichte oder auch nur in einzelne Sätze zu verlieben. Die zweite Sorte ist die gefährlichere – die Bücher, die man irgendwann, „wenn man genügend Zeit hat“ endlich einmal lesen will. Ihr Vorhandensein ist ein permanenter Vorwurf.

Ein Buch der ersten Kategorie werde ich nun wohl ersetzen müssen – durch ein neues Exemplar.

Seit ich dieses Buch in meiner Jugend gelesen habe, betrachte ich das Wirken der Ameisen, selbst der harmlosen und wohl eher nützlichen einheimischen Waldameisen, mit sehr kritischem Blick.

Dieses Symbol der Beharrlichkeit und Widerstandskraft gegen den Menschen ist es, was mir von dem Buch in Erinnerung geblieben ist. Die Kulmination des Geschehens in der allmählichen Wiedereroberung der von verirrten Menschen geschaffenen Zivilisation durch die sich wehrende Natur, macht das Buch ungeheuer gegenwärtig und verleiht ihm eine nicht zu unterschätzende Aktualität.

Im letzten Jahr erschien eine Neuübersetzung dieses wichtigsten Werkes von Garcia Marquez. Dagmar Ploetz hat die Bildhaftigkeit seiner Sprache neu ins Deutsche übertragen und dabei ihre Sinnlichkeit betont, die das Leseerlebnis noch intensiver macht. Wir folgen dem Aufstieg und Fall einer Familie des Urwaldstädtchens Macondo in ihrer Vielschichtigkeit. So wechselt der Autor im Verlauf der Geschichte so oft den Ton, wie man es in der bisherigen Fassung nicht wahrnehmen konnte. Die oft verstörende Handlung erfährt eine poetische Überhöhung, die Bilder wie „den Seufzern über Enttäuschungen, die älter als die zähesten Sehnsüchte waren.“ , „die Unerschrockenheit der Spinnweben“, „die Geduld der Luft in der strahlenden Februarfrühe“ möglich macht.
Für Hörbuch Hamburg hat Ulrich Noethen diesen Text eingelesen. Er tut dies unaufgeregt und lässt die notwendigen Freiräume der Interpretation, die die vielfältigen Tonwechsel verlangen.

Hundert Jahre Einsamkeit ist ein gutes Beispiel dafür, dass Meisterwerke kaum altern, unser Blick auf sie sich aber sehr verändern kann.

 

Buch: Gabriel Garcia Marquez, Hundert Jahre Einsamkeit

Bild: © Hörbuch Hamburg

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