Von der verwirrenden Logik des Begehrens

Call me by your name von Luca Guadagnino

Sommer in Norditalien. Man spürt die Wärme, den leichten Windhauch, die kühlen Fliesen im Haus, wenn man mit nackten Füßen darüber geht. Die reifen Früchte deren Saft im Film eine gewichtige Rolle spielen wird. Leichtigkeit ist angesagt. Da kommt ein Gast in das Haus des kultivierten Archäologie Professors und seiner Familie. Wie schon in Pasolinis Theorema bringt dieser Gast alles durcheinander.

Wir schreiben die 80er Jahre. Das geschmackvoll eingerichtete alte Haus inmitten eines traumhaft schönen Gartens bildet die Kulisse für die Verwirrung der Gefühle. Der kluge musikalische und feinsinnige Sohn der Familie, Elio, hat gerade eine Affäre mit der hübschen Marzia begonnen, als Oliver, ein ehemaliger Student des Vaters und der diesjährige Sommergast eine eigenwillige Faszination auf den Jungen ausübt, die dieser anfangs nicht zu deuten vermag und gegen die er sich auch wehrt. Als er diese Faszination als Begehren erkennt, ist er Oliver verfallen.

Die Dinge, auf die es ankommt

Mit bestechender Natürlichkeit beginnen die Beiden in den Wochen, die sie zur Verfügung haben, etwas auszuleben, das weit über Begehren hinausreicht. Das Glück, das sie erleben dürfen, liegt auch in der verständnisvollen distanzierten Obhut der Eltern, die ihrem Sohn diese Erfahrung, von der sie wissen, welche Erfüllung und welcher Schmerz darin liegt, gönnen. Das Gespräch zwischen Vater und Sohn, das es nach dem Ende des Sommers gibt, ist geprägt von einer Liebe und Weisheit, das man jedem Sohn nur wünschen kann, ein solches Gespräch ,und sei es nur einmal im Leben, mit seinem Vater zu führen. Es geht in dem Film, obwohl er damit aufgeladen ist, gar nicht in erster Linie um Erotik. Worum sich alles dreht, ist die Verwirrung des Herzens, die so wichtig ist und uns am Leben erhält. Wird diese nicht mehr zugelassen, altern wir vor der Zeit , wie der Vater klug zu erkennen gibt.

So sind Wind, Geräusche, Musik, Licht, Farben, leider nicht Gerüche, ganz wichtig in diesem Film. Sie transportieren ein Lebensgefühl wie es sein könnte, wenn uns die Natur bei unseren Schwachstellen überfällt und auf die Probe stellt.

Die beiden Hauptdarsteller Thimotée Chalamet als Elio und Armie Hammer als Oliver, der einem keineswegs sofort sympathisch ist, spielen mit einer Natürlichkeit, das man meint jede Unsicherheit, jede Beklommenheit und jede Freude im eigenen Brustkorb spüren zu können.

Der große James Ivory hat ein Drehbuch geschrieben, dessen genaue Dialoge die Situationen so souverän erfassen, das man geneigt ist, immer wieder zurückzuspulen, weil man das noch einmal hören will, so viel steckt in diesen wunderbaren Sätzen – völlig gleichgültig ob sie in Englisch, Französisch, Italienisch oder spanisch gesprochen wurden – alles Sprachen, die im Film vorkommen, ohne das es aufgesetzt wirkt.

Auch wenn die letzten Szenen im Winter vor dem angeheizten Kamin spielen, ist es wie wenn man gerade von einer Reise in den sommerlichen Süden zurückkehrt, an die man voller Wehmut zurückdenkt.


© Bild: Sony Pictures Classics/Warner Bros. Pictures

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