Simon Kraus – Sieben Nächte

Ein Gedicht zwischendurch könnte vieles ändern

Wohltemperiert. Das wäre wohl die korrekte Bezeichnung des Lebensgefühls unserer Gesellschaft. Die größte denkbare Katastrophe, die den Einzelnen ereilen kann, ist eine Einkommenssteuernachzahlung. Alle anderen Bedrohungen halten wir uns fern. Wenn wir wählen, dann wählen wir das geringste Risiko – nur nichts, was uns weh tun könnte. Muttigefühl.

Vermutlich hat eben dieses Empfinden einem jungen, klugen, hochbegabten Autor die Idee zu der Novelle „Sieben Nächte“ aufgedrängt. Selbst Ende Zwanzig, an der Schwelle stehend, die ihm noch ermöglicht, die Tür offen zu lassen, mag kommen was will – oder – den Fernzug mit den nummerierten Plätzen zu nehmen. Einmal eingestiegen, kann man sich zwar noch immer entscheiden, die Abteiltüren zuzuschieben und sich beim Schaffner zu beschweren, wenn das Nachbarabteil zu laut oder der Kaffee mal wieder ungenießbar ist. Vielleicht wählt man ja den Großraumwagen, um mit anderen eine Party zu feiern. Da fällt es auch nicht ins Gewicht, wenn es zu längerem Halt auf freier Strecke wegen Personenschadens im Gleisbereich kommt. Man fährt zum vorbestimmten Ziel. Aber während der Fahrt sind die Türen geschlossen zu halten.

In dem Buch stehen kluge, gut gebaute Sätze, die eine Generation beschreiben, die an ihrem eigenen Mangel, den Aufstand zu wagen, verzweifelt. Der wohlfeile Zynismus, mit der man sich gegen Alternativen abschottet, kotzt sie selbst an. Wie Simon Strauss das beschreibt und wie er hinter der glatten Oberfläche die Sehnsucht nach einem anderen, dem wirklichen Leben, sichtbar macht, ist deswegen ergreifend, weil man spürt, dass das nicht nur Attitüde ist. Angekommen in den Schluchten des Alltags wird etwas gesucht, von dem man nicht weiß, was es ist.

Zwei Anmerkungen:

Die Konstruktion, Sieben Todsünden zu durchleben, eignet sich nur bedingt für eine Wirklichkeit, deren Versuchungen viel banaler und wenig greifbar sind. Der Heilige Antonius hätte vermutlich- in der Überschätzung seiner Demut- geglaubt, spielend damit fertig zu werden, nicht ahnend, wie spinnwebartig zäh eine konsumdurchwebte Welt sein kann.

Die Strenge der Form lässt nicht genug Raum für wirkliche Tragik. Aber vielleicht ist das ja erwünscht?

Und dann ist da noch die Frage nach dem Generation- Typus. Könnte es nicht sein, dass Die jenseits der Dreißig, Vierzig, Fünfzig, Sechzig genauso empfinden? Ist die vorprogrammierte Behäbigkeit und auch die Abscheu dagegen nicht altersunabhängig ? Wenn wir die Notbremse ziehen, macht es keinen Sinn im Zug sitzen zu bleiben, egal wie groß die individuelle Zukunft noch ist, vor der man steht.

Ein Gedicht zwischendurch wäre immerhin ein Anfang.

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