Ecce homo

Das Licht dringt durch die geöffnete Kirchentür und beleuchtet den Bettler von hinten. Sein zerlumpterehemals stattlicherMantel- eine helle strukturierte Fläche, die ihn umhüllt. Das Gesicht liegt im Schatten, ist aber dennoch genau zu erkennen. Die Züge eines vor der Zeit gealterten Mannes, der offenbar bessere Tage erlebt hat. Zu seinen Füßen sitzt ein kleiner Hund. Die Hände hat er erhoben. Vor sich ein irdener Bottich, vermutlich gefüllt mit heißen Steinen, wie es sie auf Märkten gab. Sie schenken ihm für eine kurze Zeit Wärme. Eine milde Gabe anstelle einer Münze oder von etwas Brot. Mildtätigkeit ist das Gebot des Christenmenschen. Wer selbst wenig hat, gibt, was er kann und seien es nur heiße Steine.

So beginnt die Geschichte für den Betrachter aus der Zukunft, die diese handtellergroße Radierung Rembrandts erzählt. Das ist nur das Offensichtliche. Alles Weitere geschieht im Kopf dessen, der gelernt hat, zu sehen. Man ist aufgerufen, das gelebte Leben hinter diesem Bild zu entdecken. 

Was dieser Bettler mit all den anderen Figuren auf Rembrandts kleinen Radierungen und Zeichnungen gemein hat,  ist seine Würde und der Respekt, mit dem der Künstler ihn skizzenhaft porträtiert- gleich auf der Straße in die Platte geritzt. Festgehalten für die Ewigkeit. Ansonsten ist dies ja ein Privileg der Reichen, die für ihre Porträts bezahlen. 

Rembrandt ist der perfekte Geschichtenerzähler. 

Er zeigt das wirkliche Leben seiner Zeitgenossen, der Bauern, Bettler, Handwerker aber auch der besser gestellten Gildemeister.

Er beobachtet sie bei ihren täglichen Verrichtungen und zeigt uns damit das, was erst im ausgehenden 19. Jahrhundert wiederentdeckt werden soll – den Alltag. Am Unkompliziertesten kann er das in seinen Skizzen und Radierungen.

Auch die Bibel ist für ihn ein Buch voller Geschichten, die sich auf unterschiedliche Art erzählen lassen. Er setzt ständig neu an und findet heraus, dass es das Exemplarische ist, was uns über die Zeiten hinweg daran interessiert. Dabei bleibt er trotzdem stets ganz nah an dem, was dem Menschen widerfährt. So schafft er Interpretationen dieses Textes, die in den folgenden Zeiten immer wieder anders verstanden werden und zwar unabhängig davon, ob man den Glauben teilt.

Parallel befragt er aber auch immer sich selbst. Als junger Mann schaut er uns fordernd, selbstbewusst und neugierig an – was hält das Leben bereit? Je weiter es voranschreitet, desto zweifelnder und tastender wird sein Blick. Jeder Verlust, jede Niederlage spiegelt sich in seinem Gesicht.

Mit dieser fast reportagehaften Art zu beobachten,  macht sich Rembrandt auch zu einem Vorläufer der Jahrhunderte später auftauchenden Fotografen, die das Leben mit anderen Mitteln dokumentieren. Die vorurteilsfreie Sicht auf das Schicksal Einzelner, so sollte man diese Art von Bildern sehen. Es ist immer der konkrete Mensch, der den Künstler interessiert.  In der Vielzahl der Bilder entsteht bei ihm das Bild der Gesellschaft in ihren verschiedenen Facetten. Anders als in seinen großen Auftragswerken, bei denen er sich auch Freiheiten herausnahm, die seinen Auftraggebern meist alles andere als Recht waren – man denke nur an die geniale Nachtwache, geht er hier direkt und unverblümt vor. 

Das Leben spart zu allen Zeiten nicht mit unerwarteten Wendungen. Schließlich findet man auch in der Biografie des Künstlers eine ganze Zahl schmerzhafter Schicksalsschläge.  Wer heute im Glück und obenauf, kann sich Morgen ganz unten wiederfinden. Rembrandt wusste das und stellt es dar. Er, der von reichen Auftraggebern hofierte Maler, gerät aus der Mode, ist bankrott, verliert Frau und Kind, muss sehen, wie er überlebt. 

Der Alltag fahrender Händler, kopulierende Paare, ein in aller Öffentlichkeit pissender Mann, nichts ist Rembrandt zu trivial. Alles gehört dazu. Er nimmt, für seine Zeit auf revolutionär anmutende Weise, seine Religion ernst.

Seht den Menschen, bevor ihr urteilt.

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Der Text entstand in Nachwirkung des Besuchs einer Rembrandt Ausstellung im Rijksmuseum Amsterdam im Frühjahr 2019.

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