Die Perser

…inszeniert von Michael Thalheimer, Burgtheater Wien.

Susas, Pelagon, Dotamas, Pharandaces, Agbatanas, Psammis, Susiscanes…

Vermutlich habe ich neunzig Minuten lang vergessen zu atmen. Wie kann ein Stück, das über 2500 Jahre alt ist, so aktuell und so gut sein? Es erzählt uns von der mangelnden Lernfähigkeit der Menschen.

Worum geht´s:

Die Perser wollen Rache nehmen für eine Niederlage, die ihnen die Griechen zugefügt haben. Mit einer hoch überlegenen Streitmacht will König Xerxes die Griechen endlich unterwerfen. Atossa, die Königsmutter, nimmt in selbstsicherer Haltung den Sieg vorweg, indem sie all die Heerführer nennt, die auf Seiten der Perser kämpfen. Ihre Alpträume versucht sie zu verdrängen. Da kommt ein Bote und kündet von der katastrophalen Niederlage und dem Tod all der genannten Helden. In ihrer Selbstüberschätzung sind die Perser in eine Falle geraten und von den klug agierenden Griechen gemetzelt worden. Verzweiflung und Schmerz treten an die Stelle des Hochmuts. Schließlich taucht Xerxes als einziger Überlebender auf und suhlt sich in Selbstmitleid und Verzweiflung. Von Reue kein Wort. Ein Kammerspiel über Gewalt und Hybris. Vermeintlich sind allein die Götter Schuld.

Stille kann eine Kraft haben, die jeden Lärm übertönt. Auf der fast leeren Bühne ganz in Gold geschminkt und gewandet mit einer Schleppe, die die halbe Bühne ausfüllt – die Königin. Erst einmal keine Worte. Nur Gesten, mechanisch, beiläufig leiten sie das Loblied auf die Macht und das Militär ein. Schwer zu ertragen aber noch schwerer dann die Namen, die vielen Namen der Toten, als die Nachricht von der Niederlage kommt. So selbstherrlich das Gold schien, so schnell verwandelt es sich in ein Aschegewand. Darin sich krümmend die Namen flüsternd, schreiend, herauswindend bricht der Stolz zusammen und verwandelt sich vor unseren Augen in Verzweiflung. Hochmut kommt vor dem Fall.

Die Szene ist nur ein Beispiel dafür, wie sinnfällig hier geschieht, was schon immer hinter Kriegen stand. Später nur noch gesteigert durch den nackt besudelten Auftritt des Xerxes, der noch nichts verstanden hat und beklagt, wie übel ihm mitgespielt worden sei. Der Ekel vor diesem Menschen wird sinnlich erfahrbar. Ein Körper, der einen ekelt.

Minimalistisch, mit starken Gesten und körperlicher Präsenz wird die Gewalt, um die es geht, sichtbar gemacht. Figuren, die an Munch und Bacon erinnern, nehmen uns den Atem, weil kein Platz bleibt für Vernunft. Maske, Licht, fahlweiß geschminkte Körper, die im Blut hinschlagen, sich wälzen und nichts begreifen. Ein Bühnenraum halb Bunker, halb Schlachthaus, halb Ausguck mit verschlossenen Ausblick und einen immer wieder von der Decke gefährlich schwingende Tür lassen uns erschauern. Das Damoklesschwert, das über allem schwebt.

Das ist Heute. Jetzt. Da braucht es keine Mätzchen oder irgendwelche Versatzstücke der Gegenwart. Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch. Und die Vernunft schläft noch immer und gebiert ihre Ungeheuer. Hat nicht gerade wieder ein Herrscher dieser Welt von unbesiegbaren Waffen gefaselt?


© Headerbild: Reinhard Werner (Burgtheater)

Share your thoughts