Berlin – die Stadt

Gerade eben in dieser Funktion erwachsen geworden, versucht Berlin wie ein junger Bär- tapsend- seine Rolle unter den europäischen Hauptstädten zu finden.
Nicht so reich wie London – wohl eher das Gegenteil.
Nicht so kultiviert wie Paris – wir sind in Deutschland!
Nicht so historisch wie Rom – woher auch (außerdem haben die Jungs mit den schmalen Oberlippenbärten in Sachen Zerstörung ganze Arbeit geleistet).
Nicht so viel Schmäh wie Wien – lediglich in Sachen Niedertracht macht Berlin den Österreichern inzwischen einige Konkurrenz.

Diese Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen, aber Berlin ist trotzdem einer der Hotspots auf der ganzen Welt. Dem  Geheimnis, warum das so ist,  wollte ich bei meinem letzten kurzen Aufenthalt ein wenig nachspüren.

Die hippen Stellen – Mitte, Prenzelberg, Hackesche Höfe, Bikini (grade erst neu aufgestiegen) verraten nur wenig davon. Touristenscharen aller Orten mit gezückten Handys und Fotoapparaten – den modernen Dementoren, die die Seele des Fotografierten aussaugen. Zurück bleiben leere Hüllen der Beliebigkeit.

Der betörende Geruch der Berliner U Bahn, der einen schon in seinen Bann zieht, kaum dass man sich in einen der Höllenschlunde begibt,  legt eine erste Spur. Mit dieser U Bahn gelangt man in die Stadtviertel, deren Unterschiedlichkeit einen Teil des Charmes der Stadt ausmacht. Hier kann man finden, was man nie zu suchen wagte. Man kann die ganze Welt entdecken – zumindest große Teile davon. Das Spektrum ist fast unüberschaubar. Da ist die bürgerliche Behäbigkeit des alten Westberlin in den gediegenen Restaurants zwischen Savigny- und Steinplatz,  der gestrandete und halb entwurzelte Orient in Kreuzberg, der sich gegen den Westen auflehnt, ihn anspuckt und doch eigentlich nur akzeptiert werden möchte. So ist das nun mal  mit ungeliebten Kindern. Osteuropa, das sich in den Neubausiedlungen zwischen Lichtenberg und Marzahn heimisch fühlt und längst seine eigene Ordnung etabliert hat. Nicht zu vergessen die ostdeutsche Provinz, die von den Grenzen zu Brandenburg her die Stadt anknabbert, mit einer gehörigen Portion an Provinzialität. Das alles kommt einem fremd und vertraut vor und lässt die vielen Stimmen, die man auch in sich selbst trägt, klingen. Hier bin ich Mensch, hier darf ich´s sein. Daran kann auch die aufgesetzte Schnoddrigkeit nichts ändern.

Die Einwohner haben sich längst an all das Fremde in ihren Mauern gewöhnt und tolerieren es mit keifender Zunge. Diese gut getarnte Toleranz lockt Neugierige an, von denen manche bleiben und den Kreislauf weiter treiben.

Wenn die Tage sommerlich und warm sind, wie gerade,  und man sich mehr oder weniger spärlich bekleidet auf einer der vielen Grünflächen räkeln darf, ist sogar der Berliner gut gestimmt.

Alles in Allem ein  Ort, wie es zumindest in Deutschland keinen zweiten gibt und an den man immer mal wieder zurückkehren sollte. Um noch einmal den Meister abgewandelt zu zitieren: Von Zeit zu Zeit seh´ ich den Alten (oder besser Berlin) gern.

 

Share your thoughts